Mozart-Requiem 2006 im Heilig-Kreuz-Münster, Schwäbisch Gmünd

Eine überaus gelungene Hommage an Wolfgang Amadeus Mozart war das gemeinsame Konzert des Philharmonische Chores, des Chores der Pädagogischen Hochschule (Einstudierung: Stephan Beck) und der Sinfonietta Tübingen unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Hubert Beck.

Mancher Zeitgenosse mag vor lauter Jubiläumskonzerten den Namen Mozart gar nicht mehr hören, zumal andere Jubiläumsträger zu Unrecht in den Hintergrund gedrängt werden. Wer aber die Aufführung im voll besetzten Heilig-Kreuz-Münster am Sonntag miterlebt hat, verließ tief beeindruckt das Gotteshaus. Die berühmten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth und Hans Urs von Balthasar, waren nicht von ungefähr größte Verehrer des Wiener Klassikers.

Es bedarf sicher eines langen Reifungsprozesses, ehe man so wie Hubert Beck interpretiert. Er gehört zu den seltenen Vertretern einer Kapellmeister-Spezies, die nicht ausschließlich dem Chor oder dem Orchester ihr Augenmerk widmen, den anderen Klangkörper aber eher vernachlässigen. Die großartig durchgehaltene Spannung des Hörerlebnisses verdankt sich dem homogenen Ineinander orchestraler und vokaler Entwicklungslinien. Und man musste den Eindruck gewinnen, dass die inzwischen schon traditionelle Zusammenarbeit mit den Tübingern eine Qualität zeugt, die immer wieder aufhorchen lässt.

Bereits bei Adagio und Fuge c-Moll KV 546 leuchtete in den ersten Takten das Geheimnis des Abends auf: Gegen alle Üblichkeit entlockte Beck den Musikern eine mystische Klanggestalt, die so wunderschön im Piano kulminierte, dass jedes natürliche Forte organisch dorthin zurückkehrte. Die Phrasen blühten auf, ebbten wieder ab, als ob mit Hingabe gesungen würde. Auch die Fuge lebte vom kontrapunktisch natürlichen Wechsel, dynamisch wohltuend strukturiert. Das pulsierende Filigran bescherte eine ganz eigene Interpretation, die orchestergerecht akzentuierte, eben anders als in der Klavier- oder Orgelfassung, die ebenfalls je ihren Reiz haben.

Dann folgte das berühmte „Requiem" KV 626 in der Fragmentergänzung von Franz Xaver Süßmayr. Der Introitus nahm in seiner Zurückhaltung den „Ton“ des ersten Werkes konsequent auf. Wenngleich auch stimmökonomisch sinnvoll, so war es keineswegs ein musikalischer Akt des Sparens, sondern des Durchtragens, Strömens, einer gleichsam kindlichen Gläubigkeit. Das ging unter die Haut, konfrontierte ganz persönlich. Abgehobener Kunstgenuss hatte keine Chance, eben weil es den Ausführenden gelang, diese Intention mit Herz aufzunehmen und diszipliniert umzusetzen. Diese Spannung hatte nichts mit Anspannung gemein. Das emotional-affektive angerührt sein zwischen Angst und Trost, Zuversicht und Gotteslob ließ einen dieses Werk ganz neu hören. Zugleich machte die Sequenz „Dies iræ“ eben auch deutlich, dass Sterben und Tod zu den dunklen, vom Menschen anzunehmenden Stunden personalen Geschicks gehört, auch wenn die nachkonziliare Liturgie auf diesen visionären Teil verzichtet.

Die Kooperation beider Schwäbisch Gmünder Chöre darf in mehrfacher Hinsicht als Glücksfall gelten. Die Mischung aus langjährig erfahrenen und jungen Stimmen zahlte sich menschlich wie musikalisch gleichermaßen aus, verschmolz zu hörbarer Einheit. Chorische Präsenz und dynamische Flexibilität, durch die Sinfonietta sensibel begleitet, markierten die gediegene Qualität der Aufführung. Der hellwache Dirigent wusste genau, wann er exponiertes Crescendo oder Zurücknahme der Streicher wollte. Souverän und folgerichtig wurden die Impulse umgesetzt.

Das Solistenquartett (Sachiko Muta-Kawa­shima, Constanze Hirsch, Aleksander Efanjow und Jens Hamann) besiegelte das unverbraucht allürenfreie Musizieren, sehr einheitlich im Ensemble, dennoch mit dem nötigen Selbstbewusstsein eigener Gestaltungsfähigkeit.

Die Sinfonietta glänzte nicht nur in den Streichern, auch die Bläser und Pauken taten ein Übriges zu gelungener Farbigkeit (etwa die Posaune im „tuba mirum“).

Ein Konzert von hohem Rang, gültigem Ausdruck und prägender Tiefenwirkung – so wünscht man sich geistliche Musik als confessio: Bekenntnis engagierten Glaubens in gehaltvoller Ausdrucksweise der Musik.

Kritik vom 17.10.2006 Rems-Zeitung, Schwäbisch Gmünd

Verfasser Peter Skobowsky