Weihnachtskonzert 2007

Besinnliches Innehalten vor dem Hochfest


Das diesjährige Weihnachtskonzert des Philharmonischen Chores mit der Sinfonietta Tübingen war ein weiterer Höhepunkt des renommierten Chores. Man kann seinem Leiter, Kirchenmusikdirektor Hubert Beck bescheinigen, stets ein gutes Gespür für hörenswerte Werke zu haben. Neben dem gewohnten Repertoire (Bachs Weihnachtsoratorium) gebt es selten Neues, selten Aufgeführtes mit Anspruch, aber ästhetisch von großer Wirkung. Das Zusammenwirken mit dem Tübinger Orchester tut ein Übriges. Solch gepflegte Partnerschaft zahlt sich aus als Traditionskultur. Man ist aufeinander abgestimmt, was Probenarbeit und Ergebnis beflügelt.

Diesmal standen mit Felix Mendelssohn Bartholdys Kantante „Vom Himmel hoch“ und Josef Gabriel Rheinbergers Weihnachtskantate „Der Stern von Bethlehem“ zwei originelle Kompositionen auf dem Programm, deren Tonsetzer eine Generation auseinander lebten, deren Ansatz textlich als auch musikalisch unterschiedlicher kaum sein kann, die aber dennoch viel Gemeinsames verband: Mendelssohn als typischer lutherischer Christ im besten Sinne, der Luthers bekanntesten Weihnachtschoral originell durchführt zwischen bodenständigem Choral und meisterhafter Ausschmückung – Rheinberger als der katholischen Liturgie aufs Tiefste Verhaftete, der die Dichtung seiner zu früh verstorbenen Frau Fanny von Hoffnaaß mit eben solch gemüthafter Tiefe in neun „chronologischen“ Teilen auffaltet. In beiden Fällen ist das Erbauung im besten Sinne – ganz gegen die neurotische Problematisierung mancher Zeitgenossen, dafür umso prägender den Menschen ansprechend.

Und siehe da, der „altmodische“ Text Rheinbergers trifft auf ein unverwechselbares Echo, dessen sich niemand zu schämen braucht. Hubert Beck gelingt es gewohnt meisterhaft, die Musik schlackenlos schön zu gestalten. Die Tempi angemessen, können sich vokale und instrumentale Linien entfalten. Das einzige Manko verdankt sich der Münsterakustik – etwa wenn in den repetierenden Sechzehnteln des 1. Chores bei Mendelssohn die prägnanten Streicher mit den strömenden Bläsern eher verschmelzen. Angesichts des souveränen Instrumentariums mit herrlich dominierenden Pauken zur Bläserfarben von Holz und Blech ist das schnell vergessen, zumal der gut disponierte Chor mit klarer Strukturierung durchsichtiger Polyphonie und geschmeidiger Dynamik jede Nuance wie selbstverständlich pariert.

So erlebt man die Choralkantate als recht dichte Komposition im Gegensatz zu Rheinberger, bei dem zärtlichste Poesie mit differenzierten Chören wechselt (Frauen- und Männerstimmen häufig nach musikalischem Bedarf geteilt). Der rote Faden des Geschehens (Erwartung, Die Hirten, Erscheinung des Engels, Bethlehem, Die Hirten an der Krippe, Der Stern Anbetung der Weisen, Maria und Erfüllung) fächert oratorisch die musikalische Entsprechung auf – in allen Facetten romantischen Ausdrucks. Man darf ganz entspannt zuhören und sich einfach daran freuen. Je selbstverständlicher Hubert Beck und seine Mitmusizierenden dem natürlichen Gestus Raum lassen, umso schöner gelingt die Einheit der Kunst. Einziger Wermutstropfen ist die zuweilen intonatorische Differenz bei den Holzbläsern. Auch mit den Solisten hatte Hubert Beck immer eine gute Wahl getroffen. Die Sopranistin Lydia Zborschil bestach mit strömender Lyrik. Sie hatten den (bei anderen manchmal vermissten) Mut zu zarter Zurückhaltung, wobei die Stimme dennoch trug. Das „registerlose" Durchtragen und Aufblühen bis in ein Forte, das den Chor wie eine Klangkrone überragte, sind ihr Markenzeichen. Der Bassbariton Patrick Probeschin stand solch intelligent geführter Stimmqualität in nichts nach. Sein bis ins Heldische expansionsfähiges tenorales Timbre und die unforcierte Tiefe erlaubten eine diffizile Ausformung seiner Partie. Und wenn er die Vorgabe des Haltens in der ersten Mendelssohn-Arie gegen Schluss (zweimal!!) metrisch exakt bietet, ist der Eindruck vollkommen. Die Sinfonietta kann einfach begleiten. Dynamisch wie agogisch wachsam folgt sie Hubert Beck hellwach. Dem schönen Klang setzte die Harfe das romantische Glanzlicht auf. Das siebzigminütige Konzert war ein Genuss, ein besinnliches Innehalten vor dem Hochfest der Geburt Jesu. Herzlicher Applaus war die angemessene Antwort eines gleichermaßen gerührten, wie beglückten Publikums.

Remszeitung, Dienstag, 18.Dezember 2007